Jurybegründung: „ThinkPad rethought” von Jewgeni Goranko

06.07.2010 / Jürgen Plüss


Sich als Student selbstbewusst der Aufgabe zu stellen, den PC-Klassiker schlechthin, das ‚ThinkPad‘, zu verbessern, mutet bei erster Betrachtung tollkühn bis anmaßend an. Wie furcht- oder respektlos muss man sein, um einen Produkt-Klassiker, an dem erfahrene Designer wie Richard Sapper mitgewirkt haben, mit der Erfahrung von einigen Semestern Studium verbessern zu wollen?

Nun, wo jedermann enormen Respekt hätte, legen heutige Design-Studenten jede Furcht ab und sagen sich: ‚nichts ist so gut, dass es sich nicht noch weiter verbessern ließe‘. Recht so.

Im PC-Markt galt das ThinkPad von IBM als das ‚perfekte Arbeitstier‘. Es setzte Maßstäbe, wurde von den Besten ihres Metiers ständig weiterentwickelt und erfüllte alle Bedürfnisse und Anforderungen seiner anspruchsvollen Käufer und Nutzer. Es war gleichzeitig der Benchmark für eine ganze Branche und Beweis, dass Design mehr ist, als nur eine hübsche Oberfläche. Das ThinkPad war elitär, aber gleichzeitig wurde es millionenfach verkauft und war  d e r  PC in weltweit allen Business Launches. Neben seinem funktionalen Design, das nie den Charakter des Arbeitsgerätes durch überflüssige Styling-Gadgets verlor, waren Funktion, Zuverlässigkeit, lange Nutzungszyklen, Gebrauchbarkeit und Robustheit die Begründungen für hohen Absatzerfolg bei gleichzeitig erzielten Premium-Preisen. Das ThinkPad war lebendiger Beweis für die These: Markenmanagement ist Begründungsmanagement.

Das ist auch der Kern der Diplomarbeit von Jewgeni Goranko, der die ‚Fallstudie ThinkPad‘ gesamtheitlich angeht, d.h. über das Design hinaus die gesamte Leistungsbandbreite des Produktes und dessen Markenkommunikation analysiert und weiterentwickelt hat.

Design ist seit langem nur einer von vielen Begründungsfaktoren für Produkterfolg. Ein wesentlicher – in vielen Marksegmenten – wichtigster Erfolgsfaktor ist die Absenderattraktivität, d.h. die Marke. Diese Diplomarbeit macht in hervorragender Weise und überzeugend deutlich, dass Produkt- oder Markengestaltung nur durch ein gesamtheitliches oder holistisches Betrachten Erfolg verspricht. Design ist für Marken nur ein Leistungsfaktor. Differenzierung, Produktleistung, Innovation, Qualität, Nachhaltigkeit, Distribution, Kommunikation, Präsentation, Service und Preismanagement sind gleichberechtigte Erfolgskomponenten, die in hoher Kohärenz mit dem Design in ein Gleichgewicht gebracht werden müssen. Das hat diese Diplomarbeit mutig und erfolgreich präsentiert.

Damit hat sich Jewgeni Goranko eine besondere Anerkennung der Jury im Rahmen des Lucky Strike Junior Designer Award 2010 verdient.


Über den Autor


Jürgen Plüss ist Mitglied des Kuratoriums der Raymond Loewy Foundation und sitzt in der Jury des Lucky Strike Designer und des Lucky Strike Junior Designer Award.

Jürgen Plüss

Kommentare


  1. Richard Sapper sagt:

    Danke für die Komplimente. Was ich an Ihrem Kommentar nicht verstehe ist, dass Sie alles in Vergangenheit schreiben, als gäbe es den Thinkpad nicht mehr. Dabei wurde eben der 60millionste Thinkpad verkauft: sein Erfolg war noch nie so gross. Der einzige Unterschied zu früher ist dass seit ein paar Jahren nicht mehr IBM auf dem Deckel steht, weil IBM seine gesamte Personal Computerabteilung samt Entwicklung und Design an die chinesische Firma Lenovo verkauft hat.
    Jetzt steht (diskret) Lenovo in der linken unteren Ecke: aber das ist wirklich der einzige Unterschied.

    Prof. Richard Sapper

  2. Jürgen Plüss sagt:

    Die Vergangenheitsform ist darin begründet, dass sich die Diplomarbeit mit dem Ur-Thinkpad (dem von IBM) auseinandersetzt. Diese Urform war Basis der Analyse und Verbesserungsvorschläge. Sich an dieses erfolgreiche Produkt zu wagen, war der Reiz. Deshalb die Vergangenheitsform.

    Ich freue mich, dass das Thinkpad weiter so erfolgreich ist, trotz des Absender-(Marken-)Wechsels. Beweist das die Qualität des Produktes oder die Austauschbarkeit von Marken? Eine interessante Frage.

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