Automobilität – quo vadis?

08.06.2010 / Prof. Johann Tomforde

In einer Zeit der knappen Ressourcen und leeren Kassen haben es Automobilentwickler und Designer nicht gerade leicht. Obwohl alle spüren und wissen, dass die äußeren Rahmenbedingungen, die Gesellschaftspolitik, die Bereitschaft zum ökologischen Wandel und zu neuen Mobilitätskonzepten noch nie solch eine günstige Konstellation hatten, wird die Automobilbranche nicht einfach den Schalter umlegen können. Die nunmehr seit sechs Jahrzehnten bestehenden Automobilbau-Methoden, die von Modell zu Modell weiter perfektioniert wurden, aber auch zu immer komplexeren Produkten und Produktionsprozessen führten, stehen innovativen und völlig neuartigen Fahrzeug-Architekturen im Wege. Milliardenschwere Investitionen der letzten Jahre in herkömmliche Antriebssysteme, Komponenten- , Rohbau- und Montagewerke müssen sich noch über viele Jahre amortisieren.

Wie sollen mittels Zeitvertrag beauftragte Vorstände, die zudem noch regelmäßig an ihren Quartalszahlen gemessen werden, strategische Optionen für die Zukunft gestalten und gleichzeitig den hektischen Alltag bewältigen? Wird man in einigen Jahren wieder von „verpassten Chancen ” reden, wenn alles irgendwie weitergeht – zwar mit geringeren Kosten, niedrigeren Verkaufspreisen und Abstrichen beim Kundennutzen, aber keinen wirklich zukunftsträchtigen Mobilitätslösungen?

Wie kommen wir also raus aus der Spirale der „Bewältigung der Altlasten”, dem Überbrücken der Wirtschafts- und Finanzprobleme sowie dem mit Turbo-Beschleunigung auf uns zukommenden Wertewandel bezüglich der individuellen Mobilität?

Mit unserem Competence & Design Center for Mobility Innvations im Meilenwerk Stuttgart-Böblingen verfolgen wir deshalb mit einem Mobilitäts-Management- und Automotive-Experten-Konsortium einen ganzheitlichen, nachhaltig effizienten Ansatz des Mobility-Designs.

Mit zwar automobil-affinen, aber auch -kritischen Teams aus Mobilitätsforschern, Zukunftswissenschaftlern, Vorentwicklern und Advanced Designern, Verkehrs- und Energiewissenschaftlern, aber vor allem typischen Leitbildkunden aus mehreren Mega-Urbanisationen in Europa, China, Japan und den USA habe ich mich in den letzen Jahren sehr interdisziplinär mit individuellen Mobilitätssystemen beschäftigt – wieder verstärkt mit dem, womit ich zu Smart-Zeiten Mitte der 90er Jahre aufgehört hatte.

Daraus resultierend sind mittlerweile Projektentwicklungen und Produkte entstanden, die das Thema Individualverkehr in allen seinen Facetten und Schwächen beleuchten und zukunftsweisende, aber auch bezahlbare Lösungen aufweisen, wie z. B.:

  • + Efficient Urban Electric Vehicles
  • + TEAMO – True Electric Auto Mobility, in konsequenter Leichtbauweise, passend zum Antriebskonzept (Boat-Chassis) (Pressebericht)
  • + vom e-cargo-van bis zum eco-luxury city shuttle (Pressebericht)
  • + One Cent Car – Commuter Car für ressourcenschonenden Pendelverkehr
  • + TEAMO Park & Power Stations (kundenorientierte Ladesysteme für Elektrofahrzeuge aller Art im öffentlichen Raum, in Parkhäusern und Garagen)
  • + sowie die bessere Vernetzung aller Verkehrsmittel mit neuartigen Kurzstrecken-E-Fahrzeugen auf zwei, drei oder vier Rädern

Dabei sind wir uns darüber im Klaren, dass revolutionär andersartige Automobilkonzepte immer auch mit Irritationen bei unvorbereiteten Betrachtern verbunden sind. Mit echtem Fortschritt tun sich aber auch alle Fachleute schwer, die sich zu sehr an normierte Denkmodelle und klassische Produktentstehungsprozesse gewöhnt haben.

Deshalb bekommen Ästhetik und die richtige emotionale Ansprache der Kunden und Mobilitätsnutzer einen wesentlich höheren Stellenwert als bei nur evolutionären Weiterentwicklungen.

Wenn es uns gelingt, mit einem neuen Fahrzeugkonzept ein freudig-freundliches Lächeln als Folgereaktion auf erste Anblicke zu ernten, dann hat das Design als Sympathie-Botschafter für neue Technologien funktioniert.

Auf die Frage: „Wo geht die Reise hin?”, gibt es demnach viele Antworten: viele visionäre Ideen und Concept Cars mit futuristischen Ansätzen ebenso wie schon bald realisierbare, evolutionär weiterentwickelte Automobile mit Plug-in-Hybrid- oder Elektroantrieben. Leider aber allzu oft Lösungen, bei denen wieder alles nur komplexer, schwerer und teurer wird. Technische Antworten, eben auf die sich abzeichnende automobile Sinnkrise, anstatt der von Kunden, Nutzern und Umwelt erwünschten generellen Umbrüche und nachhaltigen Mobilitätslösungen, die trotzdem nicht die Individualität und Emotionalität der verschiedensten Menschen zu kurz kommen lassen.

Ideen dafür gibt es genug – das sieht man nicht nur seit langem bei jungen Fahrzeugbau-Ingenieuren und Transportation Designern, sondern zunehmend auch bei etablierten Entwicklern, Systemlieferanten, Engineering- und Design-Dienstleistern, bei denen in den letzten Jahren die Schutzrechtsanmeldungen für Automobil-Innovationen deutlich gestiegen sind.

Aber Kreativität braucht mutige Entscheider – Unternehmenslenker und Investoren, nicht solche, die sich von Quartals-Bilanzanalytikern treiben lassen oder sich zu lange an Technologien und Bauarten klammern, die schon über fünf Jahrzehnte erfolgreich waren. Um uns herum ist die Automobilwelt viellebendiger geworden und offener für völlig neue Wege im Automobilbau. Neue Hersteller und internationale Gruppierungen, die keine Rücksicht nehmen müssen auf bestehende Fabriken, Aggregate, Entwicklungen, Bauweisen und Prozesse, schicken sich an, die Thematik der individuellen Mobilität kundendienlicher und ganzheitlicher zu lösen. Konsequente Kundenorientierung ist gefordert – statt einheitlicher Wettbewerbsorientierung mit gleichen Benchmarking-Prämissen, aus der es dann ab und zu exotische Ausbrüche gibt, die aber leider oft in automobile Selbstbefriedigungs-Projekte von Konzeptingenieuren und Designern enden.

So wichtig vagabundierende Kreativität und Intuition für diese beiden Berufsgruppen auch sind, ihre Ideen sollten aber gerade in der heutigen Zeit zu demokratisierbaren Innovationen führen, die einen wichtigen Beitrag darstellen zur klimaschonenden Erhaltung der individuellen Mobilität. Neben Ökoeffizienz und kostengünstigen Fahrzeugen sollten emotionale Kriterien, wie z. B. der ästhetische Genuss oder die Freude an Elektro-Dynamik und ganz neue Sound-Qualitäten sowie die Renaissance der authentischen Materialien, stärker im Vordergrund der Entwicklungen stehen.

Als eine der wenigen übergreifend agierenden Disziplinen bei der strategischen Marktpositionierung und während des ganzen Produktentstehungsprozesses müssen Designer viel stärker Gesamtverantwortung für das Gesamtsystem „Automobilität“ übernehmen! Das gelingt denjenigen Designern am besten, die ihren Job als Berufung auffassen – losgelöst von Wochentagen und Tageszeiten –, die ständig auf der Suche nach kreativen Inspirationen aus anderen innovativen Branchen sind und aufmerksam mit Augen und Ohren typische Kunden in ihrem Umfeld beobachten. Dafür haben wir hier in Deutschland den komplexesten Markt und die besten Voraussetzungen – wir müssen sie nur mit aller Konsequenz und Ausdauer leben und nutzen!

Quelle

Dieser Text erschien ebenfalls in “Top-Career-Guide 2010 Automotive


Über den Autor


Prof. Johann Tomforde ist Vorsitzender der Jury des Lucky Strike Designer und des Lucky Strike Junior Designer Award.

Prof. Johann Tomforde

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