Philippe Starck – Bewusstsein schwach.

11.05.2010 / Nils Jockel

Der folgende Text ist bereits 14 Jahre alt und dennoch topaktuell. Unser Jurymitglied Nils Jockel setzt sich darin mit dem Designbewusstsein bzw. Unbewusstsein von Experten und der breiten Bevölkerung auseinander. Die Fragen, die er darin aufwirft, sind auch heute noch nicht beantwortet. Wir laden Sie zur Diskussion ein und fragen uns: Gehören Sie zu den 5 oder den 95 Prozent, die Jockel erwähnt? Und, was macht das mit Ihnen und diesem Text?

Wir sind eine möblierte Gesellschaft, wohlbestallt und eingerichtet, sesshaft und gewohnt zu wohnen, ohne noch zu fragen: wieso, weshalb, warum? Wir richten uns ein und sind doch verlassen von allen guten Zeitgeistern, Beratern und Magazinen: Für wen und auf was sollen wir uns einrichten? Gegen ungeliebte Nachbarn und Kollegen? Nach stilschlüpfrigen Trendsettern? Auf Empfehlung von Ärzten und Psychologen oder nur so aus dem Bauch?

Derart existentielle Entscheidungen wären sicher schwierig zu fällen, wenn sie uns überhaupt bewusst wären. Tatsächlich meinen wir, uns nach vernünftigen Erwägungen eingerichtet zu haben: nach bewährten Gewohnheiten, nach bestem Wissen und nach dem Geldbeutel. Eben jedem die Einrichtung, die er verdient!?

In unserem ungenauen Wissen über die Hintergründe eigener Vorlieben und Abneigungen für einzelne Gebrauchsgegenstände liegt die Chance der Marketingstrategen von Autofirmen und Möbelherstellern, Einrichtungshäusern und Geräteproduzenten. Das funktioniert nach den Gesetzen der Werbepsychologie – nicht anders, als mit anderen x-beliebigen Produkten, für die auf dem Markt geworben wird. Wenn aber ein Produkt aus der Masse des Warenangebotes emporsteigt, mit dem Adel ausgezeichnet, ein Designgegenstand zu sein, dann gelten neue Gesetzte. Nun nämlich findet der Verbraucher das Produkt nicht länger allein in Werbeanzeigen und Verkaufskatalogen, sondern zugleich in Museumssammlungen und Fachzeitschriften. Obwohl das Produkt nicht mehr und nicht weniger von Designern gestaltet worden ist, wie jedes andere auch, wird es nun – im Unterschied zu den anderen – als “Design”-Gegenstand, oder noch unbestimmter: als “Design” geführt. Journalisten und Museumsleute interessieren sich für seine Geschichte, seinen “Schöpfer” und seinen Hersteller, kurz: eine Story. Und wenn sie nichts hergibt, wird sie ein wenig ausgeschmückt. So wird die Sache persönlich und ist ideal geeignet für den identifikationsbesessenen Konsumenten, der nun endlich jenes familiäre Verhältnis zu den Dingen erhält, das er allein nie aufbauen konnte.

Obwohl in weniger als 5% der deutschen Wohnungen so genannte Designermöbel stehen, dreht sich die öffentliche Designdiskussion nur um sie. Während sich Museen, Galerien und Lifestyle- Magazine nur mit den vermeintlich Designgeschichte schreibenden Pionieren beschäftigen, nehmen sie das Wohnen der anderen 95% kaum zur Kenntnis. Zu betrachten, was sich an Geschmack und Gestaltung in ihren vier Wänden abspielt und über Jahrzehnte allmählich wandelt, ist halt etwa so aufregend, wie einer Wanderdüne beim wandern zuzuschauen. Lieber vermessen die Designfachleute die Designgeschichte (wenn es sie überhaupt gibt), nach Schritten und Spuren großer Hersteller- und Gestalternamen und würdigen ihre Ideen und Schöpfungen. Sie vollbringen die bewundernswerte Leistung, ein Gesetz aufzuspüren, nach dem sich die Designgeschichte offenbar in Dekaden vollzieht, ein Zeittakt, nach dem alle Gestalter gestalten und alle Konsumenten konsumieren. So werden – auf Wunsch und Anfrage der um leichte Vermittlung bemühten Medien – sehr wortreich oder gerne auch in knapp formulierten Etiketten, aber in jedem Fall trennscharf die Stile der “60er”, “der 70er” und “der 80er” voneinander geschieden – als erlebte jeder Gestalter und jeder Nutzer von Produkten zu Beginn jedes Jahrzehnts einen kurzen, aber radikalen Umdenkungsprozess. Es ist leider so: Designinstitutionen haben gegenüber dem tatsächlichen Wandel der Designstile und -moden einen getrübten Blick. Würden sie wie Demoskopen nicht nur die besagten 5%, sondern das gesamte Warenangebot in Augenschein nehmen, würden sie nur einen allmählichen Wandel und die parallele Gültigkeit verschiedener Designstile registrieren.

Während der öffentliche Designdiskurs auf ‘große’ Namen beschränkt ist und – fernab von der gesellschaftlichen Wirklichkeit – in Museen, auf Podien und publizistischen Foren stattfindet, bleibt der 95 Prozent-Rest zwar unberücksichtigt aber dennoch nicht unbeeindruckt. Im Gegenteil: da die Entwürfe, Prototypen und Produkte, die von den Experten als diskussionswürdige “Designprodukte” erachtet wurden, der Öffentlichkeit zumeist auf Sockeln, in Vitrinen und in edlen Katalogen präsentiert werden, sind sie der Beurteilung nach gewohnten, alltäglichen Maßstäben entzogen, denn es sind ja quasi Kunstgegenstände. Für deren Beurteilung braucht man, so hat man es immer wieder leidvoll erfahren, Vorwissen, Bildung und privilegierten Zugang.

Was dem in Designfragen Unvorgebildeten bleibt, ist nicht reflektierendes Verständnis, sondern mehr oder weniger sprachloser Affekt: Ablehnung oder Staunen, Ignoranz oder Ungläubigkeit.

Das DesignLabor des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe ist eine Einrichtung zur Designvermittlung, in der Besucher in lockerer Gesprächsatmosphäre Gebrauchsgegenstände ausprobieren und ihre Empfindungen und Meinungen austauschen und differenzieren können. Die Erfahrungen dieses neuen Ansatzes haben gezeigt, welche Folgen die abgehobene Designdiskussion der Vergangenheit hat. Jugendliche und Erwachsene urteilen über Designgegenstände, im musealen Rahmen präsentiert, zunächst sehr affektbetont – auch über solche, die ihnen bereits aus dem Alltag bekannt sind. Erst wenn sie sie unter „Laborbedingungen“ erproben, erfahren und begreifen können, differenzieren sich die Meinungen. Bezeichnend ist, daß die meisten Besucher vorwiegend Reaktionen zeigen, die dem Grundanliegen von Design, nämlich verständlich zu sein, entgegengesetzt sind. Sie betrachten die Produkte ehrfürchtig wie Kunstwerke, deren Gestalter sie nicht kennen und lehnen sie vielfach ab, weil sie sie für unpraktisch, hässlich und ihren Preis nicht wert erachten. Otl Aicher hatte eben recht, als er feststellte:

“Kunstwerke sind fertig. Man kann sie in Museen abstellen. Design ist nicht sonderlich geeignet für Sammlungen. Es bewährt sich im alltäglichen Gebrauch.”

Das von Designexperten verursachte, wenn nicht zuweilen gar gepflegte Missverständnis, Design hätte mit Kunst, Kommerz und Kennerschaft zu tun, böte keinen Anlass zur Sorge, wenn es nur den kleinen Kreis beschäftigte, der sich mit teuren Designerprodukten umgibt. Doch die Stilisierung des Designs zur gehobenen Werthaltung und Lebenseinstellung hat weiterreichende Folgen, weil sie für die gesamte Gesellschaft Normen setzt, die viele Menschen nicht nachvollziehen können, weil sie irrational sind. Sie verstehen z.B. nicht, warum die viel zitierte Fruchtpresse von Philippe Starck, ein offenbar “wichtiges” Designprodukt ist. Man braucht halt ein Wissen über Philippe Starck und die gelassene Einstellung, dass nicht jeder Gegenstand so funktioniert, wie seine Bezeichnung es erwarten lässt. Nur so kann man akzeptieren, dass die Fruchtpresse unverhältnismäßig teuer sein muss und man mit ihr kaum mehr anfangen kann, als Staub fangen, Fruchtkerne im Glas sammeln und frisch gepressten Saft wegschütten, wenn das edle Gerät länger nicht benutzt wurde und die metallische Oberfläche giftige Stoffe absondert. Sie ist halt ein Kunstwerk, und dafür doch recht preiswert. Wer könnte es sich schon leisten, seine Orangen auf einer Skulptur von Giacometti auszupressen?

Designästheten leben halt nicht mit Ecken und Kanten, sondern mit Stilen und Namen, assoziieren Geschichten und Statements berühmter Persönlichkeiten und sind sogar in der Lage, die mangelnde Funktionstüchtigkeit beliebiger oder gar vulgärer Objekte zu kompensieren, indem sie sie stilisieren, getreu dem von Christian Morgenstern beschriebenen Ästheten.

“Wenn ich sitze, will ich nicht sitzen, wie mein Sitzfleisch möchte, sondern wie mein Sitz-Geist, säße er, den Stuhl sich flöchte. Der jedoch bedarf nicht viel, schätzt am Stuhl allein den Stil, überläßt den Zweck des Möbels ohne Grimm der Gier des Pöbels.” (2)

Quellen

  1. Nils Jockel / Erstveröffentlichung in der Zeitschrift ART AUREA, 1996
  2. Christian Morgenstern, “Der Ästhet”, in: Alle Galgenlieder, Wiesbaden 1949, S. 252

Bild

Diskussionsrunde der Raymond Loewy Foundation im Rahmen des Lucky Strike Designer Award 2009. Von links nach rechts: Nils Jockel, Johann Tomforde, Jürgen Plüss, Werner Aisslinger.
© Valentin Heyde


Über den Autor


Nils Jockel (Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe) sitzt in der Jury des Lucky Strike Designer und des Lucky Strike Junior Designer Award. Klicken Sie auf den folgenden Link, um mehr über das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu erfahren.

Nils Jockel

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