Von Plagiaten, Elfenbeintürmen und dem Drang nach einem neuen Designbewusstsein.

21.04.2010 / Redaktion

Was ist Kreativität? Und wie viel darf sie kosten? Wie steht es in der breiten Öffentlichkeit um das Bewusstsein für Design? Wie um Nachhaltigkeit und Konsum? Gewinner des Lucky Strike Designer Award, der aktuelle Preisträger, Stefan Sagmeister, die Jury der Raymond Loewy Foundation, sowie die Preisträger des Lucky Strike Junior Designer Award 2009 trafen sich in Berlin, um diese Fragen zu diskutieren. An der Ausstellung „Fenomen IKEA“ (die von Jury-Mitglied Nils Jockel im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe auf Grundlage einer von der NEUEN SAMMLUNG München konzipierten Ausstellung kuratiert wurde) entbrannte eine Diskussion, bei der die schwedische Möbelmarke gleichsam als Objektträger fungierte, auf dem aktuelle Fragen des Designs mikroskopiert wurden. Ein Ausschnitt aus dem Gespräch:

Sagmeister fragt zur Ausstellung „Fenomen IKEA“: Ist das eine kritische Ausstellung?

Jockel: Tja, das weiß ich auch nicht. Die Neue Sammlung in München hatte es leicht. Die sammelt schon seit einiger Zeit IKEA-Produkte und hat IKEA einfach auf seinen Schoß gehoben, indem sie IKEA-Produkte innerhalb der vorhandenen Schausammlung ausgestellt haben. Damit war die Sache dann erledigt. Es war klar: Okay, IKEA hat jetzt also die höheren Weihen. Das konnte ich in unserem Hause nicht nachvollziehen und fand es für uns auch nicht richtig.

Terstiege (Moderation): Das Thema Plagiate wurde in München zum Beispiel überhaupt nicht angesprochen. Ich habe da ein Plagiat gesehen und es gab keinerlei Hinweis auf eine Quelle.

Jockel: Also, ich denke, IKEA ist ein hervorragendes Thema, um in der Öffentlichkeit überhaupt mal über Gestaltung ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel über das Thema „Plagiate“. In München wurde das vornehm benannt als „Variationen“. Also, auch IKEA variiert vorhandene Themen. Ich bin da einen kleinen Schritt weiter gegangen und habe gesagt: Die variieren in die Flachverpackung. Es ist sicher eine ernstzunehmende und ernst genommene Gestaltungsleistung, Produkte so zu entwickeln, dass sie eben in die Flachverpackung passen. Dazu gehört unheimlich viel an kommunikativer Leistung. Du musst mit dem Kunden ein ausgesprochen liebevolles Verhältnis entwickeln. Du musst seine Hassliebe zu dir akzeptieren und mit ihr umgehen können. Du musst also ein riesengroßes Service-Management betreiben, du musst Gebrauchsanweisungen so umsetzen, dass sie weltweit verständlich sind. Du musst den Produkten Vornamen geben, damit die Kunden und Produkte ein liebevolles Verhältnis entwickeln, auch, wenn ein Produkt einen irgendwann unter zartem Stöhnen verlässt oder sich gar nicht erst zusammenschrauben lassen wollte.

Was mich aber an dem Thema interessiert ist die Tatsache, dass wir kollektiv weltweit bereit sind, zu sagen, wir leben alle in einem schwedischen Design – ganz individuell und doch weltweit gleichermaßen individuell. Geht das? Das ist ein Riesenphänomen. Und es zeigt mir: Über Design gibt es in der Öffentlichkeit überhaupt keinen Diskurs. Was wir hier in der Jury und überhaupt in Fachkreisen führen sind reine Elfenbeinturm-Diskussionen – im obersten Stockwerk. Ganz, ganz weit oben. Das Thema Kreativität im Design etwa, interessiert mich im Bereich der Design-Vermittlung ehrlich gesagt überhaupt gar nicht. Ich würde ansetzen bei der Neugier. Viel mehr Designer sollten neugierig beim Anwender ansetzen. Und sagen: „Was machst du da, was sind deine Probleme?“ Damit hat die ganze Sache der Industrialisierung angefangen. Da ging es Designern darum, möglichst vielen Menschen zu einem günstigen Preis zum Beispiel mit Möbeln zu versorgen.

Sagmeister: In diesem Bereich ist aber doch IKEA Weltmeister.

Tomforde: Ich schätze zum großen Teil die Dinge, die die machen. Die haben zu einem gewissen Maß dafür gesorgt, dass es nicht nur Mist ist, was etwa von jungen Familien heute so als erste Ausstattung gekauft wird.

Jockel: Ich habe in meiner Ausstellung nebeneinander gehängt: die Zapfenleuchte von Louis Poulsen, kostet: über 6.000,00 Euro, daneben eine in Polypropylen-Kunststoff gearbeitete Leuchte von IKEA, „KNAPPA“, kostet 20,00 Euro. Wie kann ich der Öffentlichkeit erklären, dass das eine eine Formadaption ist vom anderen und deshalb schlechter sei? Wie kann ich das erklären, wenn ich eigentlich in so einem Haus eine Diskussion zu führen habe über gut gestaltete Massenprodukte? Das ist ein gut gestaltetes Massenprodukt, mit Verlaub. Da bin ich über Plagiatsdiskussionen relativ gelassen.

Terstiege: Auf der anderen Seite muss man sagen, es kommt im Design eben schon auf die originäre Idee an.

Jockel: Was ist denn eine originäre Idee? Gestaltung ist immer auch Um-Gestaltung.

Terstiege: Ich weiß, dass man dieses IKEA-Ding so ungefähr in zwei, drei Stunden Heimarbeit selber zusammenbasteln muss.

Jockel: Das ist doch eine wunderbare Sache. Das ist dann doch ein Produkt von Leuten, die da gerade etwas tun, lebendig sind und ihre Frauen nicht ärgern. Wo ist das Problem?

Weidemann: Da möchte ich den amerikanischen Maler Ed Reinhard zitieren, der sagt „Kunst ist nur als Kunst Kunst. Alles andere ist Alles andere“. Kunst ist also das, was der damit befasste Teil der Gesellschaft dafür hält. Nicht mehr.

Aisslinger: Ich war vor fünf Jahren einige Zeit in Indien unterwegs – mit Vertretern eines dortigen Designverbandes. Ich habe einige Fabriken besucht. Was man da so sieht ist wirklich desaströs und eigentlich schlimmer, als man das aus den Medien so kennt. Ein Beispiel: Ich war in einer Glasfabrik, da arbeiten 400 Menschen unter einem Foliendach, in der Mitte ein Glasofen – etwa so groß wie zwei Garagen. Das Ding läuft 24 Stunden, drei Schichten. Die Leute sind alle umhüllt, wie Berber in Nordafrika, weil die Hitze so groß ist, dass sie sich nur durch Schweißerzeugung kühlen können.
An einem Tag werden 10.000 Gläser produziert, das sind dann Pressgläser, wie wir sie auch gerne mal zuhause stehen haben. Die kosten nichts. Der Unternehmer sagte, er macht 200,00 Dollar am Tag. Das bedeutet, ein Glas wird ihm für 2 Cent abgekauft. Dann sagt er, die Auftraggeber zahlen oft nicht. Weil die Hersteller natürlich für diesen Preis keine große Verpackung liefern können, fährt dann jemand mit einem Eselskarren los, und da fällt dann auch mal was runter. Wenn die Lieferung nicht komplett ankommt, wird aber gleich die ganze Ladung nicht bezahlt. Das sind so Geschichten, da kommt diese günstige Massenware dann eben her. Aber klar: Ich habe auch solche Produkte zuhause stehen.

Jockel: Eben. Darum geht’s doch.

Aisslinger: Ja, aber wenn man das sieht, ist es ziemlich finster. Ich glaube, dass Design eigentlich viel zu billig ist und bin nicht so sehr der Meinung, dass Design zu elitär ist. Design kann gar nicht elitär genug sein. Man sollte doch lieber ein Produkt 30 Jahre lang haben und dafür 1.500,00 statt 150,00 Euro gezahlt haben.

Tomforde: Man kann ja das eine tun und muss dabei das andere nicht lassen.

Jockel: Da sind wir immer noch genau beim Kern.

Aisslinger: Diese H&M, Zara und ähnliche in der Mode, bei Gegenständen und Möbeln eben IKEA, diese Verramschung von Produkten und Gestaltung, diese verkürzte Lebenszeit, Produkte die quasi immer auch Sollbruchstellen haben, diese Beschleunigung durch diesen Billigmarkt, diese dadurch entstehende Wegwerfmentalität – ich halte das für relativ dramatisch.

Jockel: Zur Entschleunigung kannst du nur durch Aufklärung und nur durch Reflektion beitragen. Das heißt, man muss das Thema IKEA wirklich reflektieren, öffentlich reflektieren und muss auch der Sache auf die Spur kommen, um dann mit dazu beizutragen, dass Konsumenten kritisch werden. Das kann keine einzelne Ausstellung, so viel ist klar. Das können nur die Medien und nur im großen Stil. Wir haben diese Gläser ja auch alle rumstehen. Das ist der Witz dieser Geschichte. Das alle ihre privaten IKEA-Geschichten haben.
Seit ich diese Ausstellung mache, kommen zahlreiche Menschen zu mir und erzählen mir von ihren ganz persönlichen Anekdoten. Das bedeutet für Designvermittlung im Zusammenhang einer IKEA-Ausstellung mitten in der Gesellschaft angekommen zu sein. Nun ist die Frage, was man weiter aus dem Thema machen kann. Da könnte die Haltung von Konsumverzicht eine Rolle spielen, Freude an der Langlebigkeit von Produkten, auch Materialkunde. Dazu gehört aber unglaublich viel Souveränität des Verbrauchers. Um fähig zu sein, mit einem Produkt länger zu leben, es zu pflegen, muss man es sich – selbst im IKEA-Regal – so wählen können, dass es mich möglicherweise nicht so schnell verlässt. All das erfordert unheimlich viel Aufklärung. Die gibt es nicht. Die gibt es in dieser Gesellschaft nicht. Und sie wird auch von Designern nicht herbeigeführt.

Terstiege: Da spanne ich den Bogen mal wieder zu dir, Stefan. Was wäre, wenn jetzt IKEA davon hört, dass es von dir einen typographischen Stuhl gibt und würde auf dich zukommen, mit dem Wunsch, ihn zu produzieren?

Sagmeister: Ich habe diesen Stuhl in einer unverkäuflichen Version. Unverkäuflich, nicht, weil ich ihn nicht verkaufen möchte, sondern weil er einfach unverkäuflich ist. Ein Teil davon ist ein Druck, allein der kostet in der Herstellung schon 18.000,00 Dollar. Ich brauchte die Firma HP schon als Partner um überhaupt nur dieses eine Unikat herstellen zu können. Wenn jetzt IKEA kommen und sagen würde, ja, wir können das machen. Der Stuhl würde dann – sagen wir – 150,00 Euro kosten. Super. Da wäre ich total dahinter. Ich habe früher auch mal eine Krug-Lampe gekauft, die damals 3.000,00 Euro gekostet hat. Ich bin überzeugt, wenn sich die Designer mehr Gedanken gemacht hätten, wäre es vielleicht auch für 300,00 Euro gegangen, wenn mehr gearbeitet worden wäre. Obwohl ich die Designer von Krug sehr gerne mag. Vielleicht hätte das sogar ein deutscher Mittelständler zu diesem Preis hinbekommen. In meinen Augen ist es oft Faulheit und auch ein bisschen Überheblichkeit von Designern, wenn sie sagen, ach, ich produziere das für die Oberschicht.

Wenn IKEA den Stuhl nicht einfach so produziert, sondern mit uns zusammen arbeitet, dann wäre mir IKEA sehr lieb als Hersteller. IKEA wäre mir wohl sogar der liebste Hersteller, weil mir ein günstiges Produkt sehr am Herzen liegt. Es werden wohl viele hier in dieser Runde unter anderem auch deshalb Designer geworden sein, weil man da in großer Auflage arbeiten kann. Gleichzeitig ist es natürlich so, dass manch niedriger Herstellungspreis nur in China oder ähnlichen Ländern gehalten werden kann. Und ich gestehe: Wie ich aus diesem Schlamassel rauskomme, weiß ich nicht.

An der Diskussionsrunde nahmen teil:

Preisträger des Lucky Strike Designer Award

  • Stefan Sagmeister, Sagmeister Inc., Preisträger 2009
  • Andreas Haug, Phoenix Design, Preisträger 1998
  • Kurt Weidemann, Preisträger 1995 und Mitglied der Jury der Raymond Loewy Foundation

Preisträger des Lucky Strike Junior Designer Award 2009

  • Wolfgang Rößler, Absolvent Hochschule Coburg
  • Nina Wolf, Absolventin Hochschule Coburg
  • Joel Horwitz, Absolvent Berliner Universität der Künste

Jury der Raymond Loewy Foundation

  • Prof. Johann H. Tomforde, Vorsitzender (Competence & Design-Center for Mobility-Innovations, Böblingen)
  • Prof. Werner Aisslinger (studio aisslinger)
  • Nils Jockel (Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg)
  • Jürgen Plüss (Markenberatung, Gütersloh)
  • Prof. Joachim Sauter (Professor für Gestaltung mit digitalen Medien, Universität der Künste Berlin; ART+COM, Berlin)
  • Prof. Grit Seymour (Modedesignerin; Professorin am Institut für experimentelles Bekleidungs- und Textildesign der Universität der Künste Berlin)

Moderation

  • Gerrit Terstiege, Chefredakteur „form

Fotos

  • Bild 1: Stefan Sagmeister (links) und Nils Jockel
  • Bild 2: Johann Tomforde, Jürgen Plüss, Werner Aisslinger
  • Bild 3: Gerrit Terstiege, Stefan Sagmeister, Nils Jockel
  • Alle Bilder © Valentin Heyde
  • Diese und weitere Bilder:


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